Der Landkreis Ludwigsburg und der Atommüll

Die BBMN-Mitgliedsgruppe BI AntiAtom Ludwigsburg hat sich mit dem Problem des sog. freigemessenen Atommülls beschäftigt, das gerade im Landkreis Ludwigsburg für Aufregung sorgt. Wir empfehlen die Lektüre des aktuellen Newsletters und geben diesen untenstehend gerne weiter…
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Liebe Aktive,

nun blicken wir, wie angekündigt, vor die Haustür: Der Landkreis Ludwigsburg und der Atommüll!

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Am 28. Oktober setzt sich unsere Veranstaltungsreihe im Staatsarchiv Ludwigsburg fort. Passend zur aktuellen Diskussion werden wir uns mit dem Atommüll beschäftigen! Das Thema wird wohl ein Dauerbrenner, so ungefähr für die nächsten 100.000 Jahre…

Im November werden wir voraussichtlich die Vorwarnungen des Klimawandels betrachten und die Bremser der Energiewende beim Namen nennen.

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Ludwigsburg und der “freigemessene” Atommüll

Es sollte ein friedliches Sommertheater werden, eine kleine Menge Müll aus Neckarwestheim wurde auf dem Programmzettel angekündigt, alles harmlos…
Aber es kam anders:
1. Akt:
Planen und Freimessen:
Der Landkreistag Baden Württemberg beschließt eine “Handlungsanleitung zur Entsorgung von freigemessenen Abfällen auf Deponien”. Der freigemessene radioaktive Müll des AKWs Neckarwestheim 1 soll von den Landkreisen Ludwigsburg und Heilbronn aufgenommen werden.

2. Akt:
Verharmlosen oder Kritisieren:
Bietigheimer Zeitung 7.8.2015:
GKN-Bauschutt in den Landkreis Ein Teil des Bauschutts, der ab 2017 beim Rückbau des Kernkraftwerks
Neckarwestheim entsteht, wird auch auf Deponien im Kreis gelagert. Während Atomkraftgegner vor Reststrahlung warnen, ist das Material laut AVL unbedenklich.
Zehn Mikro-Sievert. Das ist der Grenzwert. Diese Jahresdosis an Strahlung dürfen Abfälle höchstens abgeben, damit sie auf normalen Deponien eingelagert werden können. Ab 2017 wird dies auch auf Deponien
im Landkreis Ludwigsburg passieren. Dann kommt nämlich Material aus dem Rückbau des stillgelegten Kernkraftwerks GKN I.
http://www.swp.de/bietigheim/lokales/landkreis_ludwigsburg/GKN-Bauschutt-in-den-Landkreis;art1188795,3368960
Die Bürgerinitiative AntiAtom Ludwigsburg kann das freilich überhaupt nicht beruhigen. “Es gibt keinen ungefährlichen Grenzwert”, kommt von unserer Seite mit Verweis auf entsprechende wissenschaftliche Studien. Die Abfallverwertungsgesellschaft (AVL) des Landkreises Ludwigsburg preist aber lautstark die Harmlosigkeit des “freigemessenen” Mülls. In einem Online-Kommentar zum Artikel fügten wir seitens der AG Atomerbe Neckarwestheim einige Informationen an.

3. Akt:
Die Grenzwertdiskussion oder die Freiheit des Freimessens:
Die AVL verkündet in dem o.g. Artikel: “Eine Strahlendosis, die dem internationalen Maßstab für Unbedenklichkeit entspricht und in der Umwelt auf natürliche Weise vorkommt.”
Aha, so so?
Unsere Kritik setzt an zwei Punkten an: Das in Deutschland eingesetzte Prinzip des Freimessens ist höchst umstritten. Es stellt eine Art virtuelle Hochrechnung dar. Für die Gesamtbevölkerung wird dabei eine
sehr geringe individuelle Dosis angenommen, aber hält sich die Radioaktivität an solche Statistiken?

BUND-Studie zu den Problemen der Freigabe schwach radioaktiver Stoffe (“Freimessen”) 63 Seiten, Okt. 2013
http://www.atomerbe-neckarwestheim.de/artikel/72-bund-studie-zu-den-problemen-der-freigabe-von-schwach-radioaktiven-stoffen

Text von Thomas Dersee im Strahlentelex:
Stille Freisetzung der Hinterlassenschaften des Atomzeitalters. Fehler und Unlogik im Konzept der Freigabe radioaktiver Stoffe in die Umwelt nach der deutschen Strahlenschutzverordnung Strahlentelex Nr 666-667, 2014, S. 2-4
http://www.strahlentelex.de/Stx_14_666-667_S02-04.pdf
‘Freigemessene’ Radionuklide aus dem Rückbau von Atomkraftwerken werden mit Sickerwässern aus Deponien freigesetzt
Strahlentelex Nr 638-639, 2013, S. 6-7
http://www.strahlentelex.de/Stx_13_638-639_S06-07.pdf
Große Mengen Atommüll vorgeblich ‘freigemessen’ und wie gewöhnlicher Müll auf Deponie abgelagert
Strahlentelex Nr 570-571, 2010, S. 9-10
http://www.strahlentelex.de/Stx_10_570_S09-10.pdf
Thomas Dersee kritisiert im Strahlentelex das “Freimessen” grundsätzlich:
Brunnenvergiftung durch Freigabe von Atommüll in die Umwelt Freigabe von radioaktiven Reststoffen nach dem Konzept der ‘Kontrollierbaren Dosis’
Strahlentelex Nr 564-565, 2010, S. 2-3
http://www.strahlentelex.de/Stx_10_564_S02-03.pdf

Unser zweiter großer Kritikpunkt ist die Illusion eines Grenzwertes. Dies ist eine Täuschung. Basierend auf ungenauen und meist von Interessen der Atomforscher und Atomprofiteure geleiteten Untersuchungen. Die teilweise immer noch praktizierte Ableitung der Risikofaktoren aus den Hiroshima- und Nagasaki-Studien ist überholt.

IPPNW-Info “Gefahren ionisierender Strahlung”
Ergebnisse des Ulmer Expertentreffens vom 19. Oktober 2013 (4 Seiten + umfangr. Literaturverzeichnis)
Ärzte und Wissenschaftler warnen vor Gesundheitsschäden durch ionisierende Strahlung. Schon strahlendosen in der Größenordnung von 1 Millisievert (mSv) erhöhen nachweislich das Erkrankungsrisiko. Es gibt keinen Schwellenwert, unterhalb dessen Strahlung unwirksam wäre.
http://www.ippnw.de/commonFiles/pdfs/Atomenergie/Ulmer_Expertentreffen_-_Gefahren_ionisierender_Strahlung.pdf

4 Akt:
Die Ludwigsburger Kreiszeitung bekommt Wind von einem Skandal:
LKZ, 21.8.2015:
Seit Jahren landet Müll aus Atomanlagen im Landkreis Kreis Ludwigsburg. Vor rund zwei Wochen kam heraus, dass 3350 Tonnen unbelastetes Material aus dem Rückbau des Atomkraftwerks Neckarwestheim auf den zwei Deponien des Landkreises Ludwigsburg in Schwieberdingen und Vaihingen entsorgt werden soll. Doch mittlerweile steht fest, dass bereits seit Jahren Müll aus Atomanlagen in Schwieberdingen und Vaihingen landet. Konkret geht es um Material, das aus dem Forschungszentrum Karlsruhe und dem Rückbau der dortigen
Wiederaufarbeitungsanlage stammt. Informationen unserer Zeitung hat die Abfallverwertungsgesellschaft des Landkreises (AVL) mittlerweile bestätigt. Demnach existiert seit dem Jahr 2008 die Erlaubnis, schwachradioaktiv belastetes Material anzunehmen. „Diese Erlaubnis ist auch umgesetzt worden”, räumt AVL-Abteilungsleiter Jens van Helt ein. Er gibt an, dass es sich um „ganz geringe Mengen” handelt, die 50 Tonnen im Jahr nicht überschreiten. Sie gelten als freigemessen und werden somit als konventioneller Abfall klassifiziert. Allerdings habe es nur stichprobenartige Messungen gegeben.
http://www.lkz.de/lokales/stadt-kreis-ludwigsburg_artikel,-Seit-Jahren-landet-Muell-aus-Atomanlagen-im-Landkreis-_arid,309516.html#
(In der Printversion ist der Artikel ausführlicher und kritischer.)

Auch die Bietigheimer Zeitung legt nach am 26.8.2015:
AVL: Der eingelagerte Müll ist nicht radioaktiv Bereits seit 2008 sollen Deponien im Kreis leicht radioaktiven Müll
annehmen. Die Grünen-Fraktion des Kreistags kritisieren die AVL, weil einige Räte nicht informiert worden seien. Jetzt äußert sich die AVL.
http://www.swp.de/bietigheim/lokales/landkreis_ludwigsburg/AVL-Der-eingelagerte-Muell-ist-nicht-radioaktiv;art1188795,3396310

Und die Stuttgarter Zeitung berichtet am 25.8.2015:
Atommüll: AVL unter Druck Lagert schwach radioaktiver Müll auf den Kreisdeponien. Ein Zeitungsbericht legt dies nahe. Schwieberdingen und die Grünen im Kreis verlangen Aufklärung, die Abfallverwertungsgesellschaft bleibt bislang eine Antwort schuldig.
http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.kreis-ludwigsburg-atommuell-avl-unter-druck.1aa9d825-e718-46c8-9764-55bf7f1cfe13.html

Oder die Marbacher Zeitung am 26.8.2015. Sie fasst gut zusammen, verharmlost aber auch wieder auf Linie mit der “Freimessung”:
Abfallgesellschaft: Bauschutt ist nicht illegal Im Streit über angeblich radioaktiven Müll auf den Deponien meldet sich jetzt der Kreis zu Wort. Es hat lange gedauert, bis sich die Abfallverwertungsgesellschaft des
Landkreises (AVL) zum Streit über angeblich radioaktiven Müll auf ihren Deponien geäußert hat.
Erst mehrere Tage nach den ersten Informationen zu der Sache war es soweit: die Abfälle vom Rückbau des Forschungszentrums Karlsruhe und der Wiederaufbereitungsanlage Karlsruhe seien nicht radioaktiv, heißt es in
der Mitteilung vom Dienstag. Der Bauschutt, der von 2008 bis 2015 in den Kreisdeponien Froschgraben in Schwieberdingen und Burghof in Vaihingen/Enz eingelagert worden war, sei freigemessen. Das bedeutet,
dass dessen Strahlung den Grenzwert von 10 Mikrosievert im Jahr nicht überschreitet und gemäß der Strahlenschutzverordnung gewöhnlicher Bauschutt ist. Damit ist der größte Streitpunkt in der Debatte um die Geschäfte der AVL vom Tisch. Ein Bericht der lokalen Presse hatte in der vergangenen Woche nahegelegt, dass schwach radioaktiver Bauschutt aus Karlsruhe in den Kreisdeponien eingelagert worden sei. Die Gemeinde Schwieberdingen verlangte Aufklärung von der AVL, ebenso war die Fraktion der Grünen im Kreistag „empört”. Am Montag wollte man sich bei der AVL nicht dazu äußern, eine Stellungnahme sei in Arbeit, hieß es nur.
Aus dieser geht nun hervor, dass das Umweltministerium im Jahr 2006 vier Deponiebetreiber, darunter auch die AVL, angefragt hatte, ob sie Bauschutt und Bodenaushub aus dem Forschungszentrum Karlsruhe einlagern
könnten, weil der Landkreis Karlsruhe selbst über keine Deponiekapazität verfüge. Nach der Genehmigung des Rückbaus und der Freimessung durch das Umweltministerium seien von 2007 an pro Jahr im Schnitt weniger als 50 Tonnen in beiden Deponien eingelagert worden, wodurch die AVL insgesamt Einnahmen von rund 6800 Euro erzielt habe. Dadurch schrumpft der potentielle Atommüll-Skandal auf ein Kommunikations-Desaster zusammen. Erst kürzlich verkündeten Umweltministerium und AVL, dass Bauschutt aus dem Rückbau des
Atomkraftwerks Neckarwestheim von 2017 an in den Kreisdeponien eingelagert werden soll. Dafür wurde eine besondere Handlungsanleitung erarbeitet, die mehr Transparenz und lückenlose Kontrollen vorschreibt.
Auch hier geht es um freigemessenen Bauschutt. Der Unterschied: Damals „sahen Geschäftsführung und Technische Leitung der AVL keine Veranlassung für besondere Sicherheitsmaßnahmen und sahen auch nicht die Notwendigkeit, die Standortgemeinden, den Landrat oder die zuständigen Gremien mit einzubinden”, wie es in der AVL-Pressemitteilung heißt. Auf Nachfrage räumte Utz Remlinger, der AVL-Geschäftsführer, ein, dass die
Einlagerung zwar „auf sauberer rechtlicher Grundlage” erfolgt sei, die Kommunikation nach außen aber transparenter hätte gestaltet werden können. „Hinterher ist man schlauer”, sagte Remlinger.
Das reicht den Kreistags-Grünen nicht. „Wir fühlen uns nach wie vor über all die Jahre belogen”, sagt der Fraktionsvorsitzende Peter Michael Valet. Immer wieder hätten die Grünen im AVL-Aufsichtsrat gefragt, ob
freigemessene Abfälle in Kreisdeponien eingelagert würden, stets sei die Antwort Nein gewesen, sagt Valet. Damit sei die angekündigte „umfassende” Transparenz „mehr als in Frage gestellt”, die Grünen würden
die Zustimmung zur Einlagerung von Schutt aus Neckarwestheim versagen. „Solange wir keine besseren Informationen bekommen, lehnen wir das ab.”

5. Akt
Unser kopfschüttelnder Kommentar:
Die AVL bekommt 6.800 EUR für die Einlagerung von brisantem, radioaktivem Müll aus dem Atomforschungszentrum Karlsruhe?! Ausgerechnet aus dem Bereich der Forschungsarbeiten zur Wiederaufbereitung, wo es bestimmt nicht “sauber” zugegangen ist.
Vielleicht ist dieser Müll nicht illegal, aber die heimliche Einlagerung ist ein enormer Skandal, der auch zu personellen und organisatorischen Konsequenzen führen muss. Und er zeigt wieder einmal, dass gegenüber der
Atomtechnologie und ihren Akteuren allergrößtes Misstrauen weiterhin angebracht ist. Die AVL hat sich mit ihren leitenden Mitarbeitern als langjähriger Handlanger der Atommüll-Verharmloser erwiesen. Und hat
radioaktiven Müll in Deponien eingelagert, die irgendwann zu einem “Freizeitgelände” werden sollen. Wir empfehlen unbedingt, mit dieser Nutzung noch ca. 1.000.000 Jahre zu warten…

Epilog:
Wir wissen nicht, aus wievielen Akten dieses Drama noch bestehen wird, aber wir werden diese Geschichte sehr aufmerksam beobachten. Das Vertrauen ist kaputt, die fehlende Transparenz im Umgang mit Atommüll
ist haarsträubend. Die Verwaltung des Landkreises steht in der Pflicht, den gesamten Komplex des “Freimessens” und Verharmlosens von radioaktivem Müll zu unterbinden. Dieser Müll muss als schwach
radioaktiver Müll behandelt und entsprechend möglichst sicher gelagert werden. Dass er nicht irgendwo in der Ferne verschwinden kann, sondern in der Nähe der Verursacher bleibt, ist wahrscheinlich ein Schritt in
die richtige Richtung. Für vertiefende Infos empfehlen wir gerne die Internetseite der AG Atomerbe Neckarwestheim (s.u.).

Übrigens: Weil uns die Klage von Vattenfall auf Entschädigung für den Atomausstieg nicht kalt lässt, beschäftigen wir uns auch mit TTIP, CETA und TISA.
Am 10.10.2015 gibt es eine bundesweite Demo in Berlin! Ein Sonderzug aus Stuttgart (mit Halt in Kornwestheim und Lbg.) ist nun fest geplant, Fahrkarten auf der Homepage:
www.ttip-demo.de